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#Mee Too Klartext statt Schönrederei

Wir müssen über den Missbrauch von Macht nachdenken.

15.02.2019 16:19

Was würden Sie tun, wenn Sie bei einer Preisverleihung neben einem einflussreichen Kollegen sitzen und plötzlich seine Hand auf ihrem Bein liegt? Was, wenn Sie als Verlegerin eines großen Medienhauses im Gespräch sind und ihnen ein Mann mitteilt, ein so nettes Mädchen wie Sie solle sich einen solchen Job doch lieber nicht antun?

Felicitas von Lovenberg, die es bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bis zur Literaturchefin brachte und heute den Piper-Verlag leitet, hat all das erlebt – und spricht ganz offen darüber in der „Süddeutschen Zeitung“. Ich bin ihr dankbar dafür und beeindruckt von ihrem Mut. Allerdings hätte ich mir eine deutlichere Haltung von ihr gewünscht.

Ich bin eine Freundin der klaren Worte. Gerade wenn Frauen im Beruf ausgebremst und klein gehalten werden, halte ich es für wichtig, solche Missstände aufzuzeigen. Die Metoo-Debatte hat den Blick da noch weiter geschärft.

Doch leider neigen wir Frauen dazu, Gründe und Entschuldigungen für männliches Fehlverhalten zu finden. Auch Felicitas von Lovenberg ist offenbar nicht frei von diesem Impuls. Sie erzählt in der SZ, wie Marcel Reich-Ranicki, mit dem sie zusammenarbeitete, während einer Preisverleihung seine Hand auf ihr Knie legte. „Ich habe das weder als Anmache interpretiert noch gar als sexuellen Übergriff, es fühlte sich eher an, als würde er sich festhalten“, verteidigt sie ihn. Reich-Ranicki habe „Ungeheuerliches erlebt“ und dann neben sich die Energie einer jungen Frau gespürt.

Nun, das mag sie so sehen. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass Männer sehr genau wissen, wann sie eine Grenze überschreiten. Und es dennoch tun. Dabei geht es oft weniger um Sex, als darum, ein Machtgefälle zu demonstrieren. Was auch immer Reich-Ranicki dazu getrieben haben mag: Dass der Vorfall sie nach all den Jahren noch immer beschäftigt, zeigt doch, dass es eine klare Grenzüberschreitung war, die Frau von Lovenberg erlebt hat.

Statt diese Grenzen zu verwischen, sollten wir sie lieber benennen. Es ist nicht Aufgabe der Frauen, Gründe für männliches Fehlverhalten zu suchen. Es sollte uns nicht vordringlich interessieren, warum, wieso, weshalb ein Mann sich entscheidet, seine Hand auf das Knie seiner Kollegin zu legen. Ich denke, dass wir über Abhängigkeiten und Machtmissbrauch nachdenken müssen und wie wir solche Strukturen verändern können. Deshalb ist es wichtig, Klartext zu reden.

Die Autorin ist Karriereberaterin und Trainerin.

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