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Handball-WM Ruhepause kann Gold wert sein

Einige Handballer erhalten eine Auszeit, um im Halbfinale wieder durchzustarten – das könnte ein großer Vorteil sein.

Andreas Wolff
Powerriegel: Torwart Andreas Wolff, leicht emotionalisiert. Foto: Reuters

Am Ende kann es eine Sache von Zentimetern sein, die darüber entscheiden, welches Team am kommenden Sonntag im dänischen Herning Handball-Weltmeister wird. Hendrik Pekeler glaubt in jedem Fall fest daran. Der Kreisläufer des THW Kiel, der in diesen Tagen ein Turm in der Abwehrmauer der deutschen Mannschaft ist, dürfte sich deshalb darüber freuen, dass seine Teamkollegen und er heute Abend (20.30 Uhr/ARD) im abschließenden Hauptrundenspiel der WM in Köln gegen Spanien nicht an die Leistungsgrenze gehen müssen. Durch das in vielen Sequenzen dramatische 22:21 gegen Kroatien hat der Co-Gastgeber der Welttitelkämpfe schließlich vorzeitig das Halbfinale erreicht.

Es ist ein unerwarteter Luxus, den die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) sich da selbst geschaffen hat. Das finale Spiel der Hauptrunde gegen den Europameister, der vor einem Jahr bei der EM in Kroatien ebenfalls im letzten Duell der Hauptrunde die Deutschen wie ein Tropensturm durcheinandergewirbelt hatte, ist jetzt ohne besonderen sportlichen Wert. Es geht vordergründig im Fernduell mit Frankreich darum, wer die Gruppe als Erster abschließt. Weil aber nicht klar ist, welcher Kontrahent sich dadurch für das Halbfinale am Freitag in Hamburg ergibt, ist das letztlich ein Rennen ohne lukrativen Lohn. Bundestrainer Christian Prokop deutete gestern an, das „Spiel gewinnen“ zu wollen, der Schonung der strapazierten Spieler aber „einen Vorrang“ einzuräumen. 

Zum zweiten Mal in diesem Turnier nach dem bedeutungslosen letzten Vorrundenmatch gegen Serbien in Berlin bekommen die deutschen Handballer die Möglichkeit, ein WM-Spiel zum Durchschnaufen zu nutzen und das könnte sich nach der Analyse von Pekeler in den Medaillenspielen am Freitag und Sonntag auszahlen. „Es hat sich ja in den vergangenen Jahren schon gezeigt, dass sich alle Mannschaften am Ende der großen Turniere schwerer tun, im Angriff erfolgreich zu sein“, sagte der Hüne: „Nach so vielen Spielen in kurzer Zeit wird die Müdigkeit größer und die Angreifer springen vielleicht einen oder zwei Zentimeter weniger hoch. Dadurch verändert sich der Wurf und es wird etwas leichter für die Abwehrreihen.“ 

Die Müdigkeit, der größte natürliche Feind des Handballers bei einem Großturnier, fühlten die deutschen Spieler gestern besonders, denn sie mussten in der „Defensivschlacht“ gegen die Kroaten allesamt bis über die eigenen gefühlten körperlichen Grenzen hinausgehen. Die 19 000 Zuschauer in der Kölner Arena pushten die DHB-Auswahl zu einer nicht für möglich gehaltenen Energieleistung, die Grundvoraussetzung war, um das starke Team vom Balkan hauchdünn zu schlagen. „Ich bin überglücklich darüber, wie sich die Mannschaft aus schweren Situationen befreit hat, wie sie Rückschläge weggesteckt hat“, verteilte Prokop Komplimente an seine Spieler. Angestachelt vom herausragenden Fabian Wiede, der in den kritischen Phasen eindrucksvoll Verantwortung übernahm, rangen die Deutschen die Kroaten nieder – und verschafften sich damit eine kleine mentale und körperliche Pause.

Folgt man der Analyse von Pekeler, könnte die ein wichtiger Vorteil für die Deutschen in einem Halbfinale sein, ein anderer vielleicht sogar noch größerer ist die gedankliche Fortführung der Aussagen des Kreisläufers. Durch den Kräfteverschleiß bei den Spielern, die sich in erster Linie auf das Angriffsspiel auswirken, bekommen die Abwehrreihen eine noch größere Bedeutung. „Wenn alle müde sind, ist es leichter, Würfe zu verteidigen als Tore zu werfen“, sagte Pekeler. Das müsste den Deutschen entgegenkommen, denn die verfügen nach allgemeiner Einschätzung über die beste Defensivreihe bei der Weltmeisterschaft. „Wir stellen die beste Abwehr der Welt“, sagte gar DHB-Vizepräsident Bob Hanning.

Gegen die Spanier ist denkbar, dass die nachlassende Intensität bei der deutschen Mannschaft durch den erwünschten Spannungsabfall die Abwehrleistung beeinträchtigt. Das ist eingepreist in das Vorhaben, den besonders strapazierten Spielern Erholungspausen zu geben. Dabei soll Tim Suton mithelfen, der gestern nach Köln reiste und den Platz von Martin Strobel einnimmt. Der Spielmacher der HBW Balingen-Weilstetten riss sich in der Anfangsphase gegen die Kroaten das vordere Kreuzband im linken Knie und wurde durch den Lemgoer ersetzt. Vor seiner Abreise hatte sich Strobel zuvor noch von der Mannschaft mit emotionalen Worten verabschiedet. „Da war man nah am Wasser gebaut“, berichtete Pekeler von der Ansprache des 32-Jährigen. Fortan wollen die Spieler der deutschen Nationalmannschaft auch für Strobel siegen – ganz unabhängig.

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