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'Ndrangheta „Nur ein erster Schritt“

In mehreren europäischen Ländern rücken Ermittler bei einer koordinierten Aktion der italienischen Mafia zur Leibe. Im Fokus der Behörden steht die Gruppierung ’Ndrangheta.

05.12.2018 20:37
Köln
Früher Mittwochmorgen, Beamte sichern ein Lokal in Pulheim bei Köln. Foto: SASCHA STEINBACH/REX/Shutterstock

Am Anfang fiel ein Pferdetransporter auf, etwas stimmte mit dem Wagen nicht. Als die Polizei das Gefährt vor zwei Jahren im britischen Fährhafen Harwich einkassierte, entdeckte sie Kokain im dem präparierten Transporter. Inzwischen wissen Ermittler von mindestens 23 solcher Fuhren mit jeweils 80 Kilogramm Kokain. Die Drogen seien aus den Niederlanden nach Großbritannien gebracht worden, erläuterte die Kölner Polizei am Montag nach den Durchsuchungen zahlreicher Immobilien in Nordrhein-Westfalen.

Der Fund in Harwich war der Auslöser der Ermittlungen, die zu der großen europäischen Operation „Pollino“ vom Mittwoch führte. In Deutschland, Belgien, Niederlanden und Italien durchsuchen Beamte Dutzende Objekte. Sie nahmen mehr als 90 Tatverdächtige fest und stellten verschiedene Drogen sicher. Im Ziel der Ermittler stehen mutmaßliche Angehörige der italienischen Mafia-Gruppierung ’Ndrangheta. In Deutschland waren 440 Polizei- und BKA-Beamte im Einsatz. Sie nahmen 14 Verdächtige fest, beschlagnahmten hohe Bargeldsummen und mehrere Autos, die mutmaßlich als Kurierfahrzeuge genutzt wurden, wie das Bundeskriminalamt in Wiesbaden mitteilte.

Vor allem Nordrhein-Westfalen war hierzulande im Fokus der Ermittler. Unter dem Namen „Falabella“ hatten Polizisten des Kölner Kriminalkommissariats verdeckt ermittelt.

„Das Verfahren richtet sich gegen italienische und deutsche Staatsangehörige im Alter zwischen 33 und 68 Jahre“, teilte die Kölner Polizei mit. Mutmaßlicher Haupttäter in NRW ist ein Gastwirt aus Pulheim bei Köln. Der 45-jährige Wirt sei am frühen Morgen von den Ermittlern aus dem Schlaf gerissen worden, sagte ein Polizeisprecher. Der Besitzer einer Osteria werde der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation beschuldigt, außerdem soll er beteiligt gewesen sein an „Kokainhandel in sehr, sehr umfangreichem Maße“.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes(BKA) sei der Handel mit Rauschgift eine der Haupteinnahmequellen der ’Ndrangheta. „Schon während der Ermittlungen wurden europaweit rund vier Tonnen Kokain und beträchtliche Mengen Ecstasy/MDMA beschlagnahmt. Im aktuellen Ermittlungsverfahren geht das BKA dem Verdacht nach, dass die ’Ndrangheta 490 Kilogramm Kokain nach Deutschland geschmuggelt hat sowie für weitere Kokaineinfuhren in großen Mengen verantwortlich ist.“ Das Geld aus dem Drogenhandel werde dazu genutzt „Immobilien zu erwerben, darunter Restaurants, die zu Geldwäschezwecken gekauft und wiederverkauft werden“, erläuterte das BKA.

„Heute haben wir eine klare Botschaft an kriminelle Vereinigungen in ganz Europa gesendet“, sagte der Vizechef von Eurojust, Filippo Spiezia, auf einer Pressekonferenz in Den Haag. „Sie sind nicht die einzigen, die grenzüberschreitend arbeiten können.“ Eurojust („Europäische Einheit für justizielle Zusammenarbeit“) wurde 2002 gegründet, Zweck der Agentur ist der Austausch von Informationen zur Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus sowie grenzübergreifende Ermittlungsarbeit.

Schon seit langer Zeit fordern Experten internationale und gemeinsame Ermittlungen gegen die Mafia, im aktuellen Fall scheint nun genau das einzutreffen. Die EU-Agentur Eurojust koordinierte die Durchsuchungen in mehreren europäischen Ländern. Spiezia sprach von einem „nie dagewesenen und außergewöhnlichen Ergebnis“ des Einsatzes, der sich gegen „gefährliche Mitglieder der ’Ndrangheta-Familie“ gerichtet habe.

Der italienische Anti-Mafia-Staatsanwalt Federico Cafiero De Raho sagte in Den Haag, die Einsätze würden das Drogenhändler-Netzwerk der ’Ndrangheta auf der ganzen Welt beeinträchtigen. Doch dies sei „nur ein erster Schritt. Wenn wir glauben, wir haben die ’Ndrangheta ausgehoben, dann täuschen wir uns“, fügte er hinzu. Die Festnahmen seien „nichts“ für die ’Ndrangheta, es müssten Tausende Menschen festgenommen und Milliarden (Euro) beschlagnahmt werden“.

Die ’Ndrangheta gehört zu den mächtigsten Mafia-Organisationen der Welt. Beheimatet ist sie in der Region Kalabrien, gegenüber der Insel Sizilien. Sie dominiert den internationalen Drogenhandel, handelt mit Waffen, ist außerdem aktiv in Geldwäsche und Korruption. Experten schätzen, dass die ’Ndrangheta jährlich einen weltweiten Umsatz zwischen 50 und 100 Milliarden Euro macht.

Nach Angaben der US-Bundespolizei FBI hat sie etwa 6000 Mitglieder. Die ’Ndrangheta soll sich in den 1860er Jahren gegründet haben, als eine Gruppe Sizilianer von der italienischen Regierung von der Insel verbannt wurde. (FR/dpa/afp)

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