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’Ndrangheta Die unterschätzte Großfamilie

Die Mafia-Gruppierung ’Ndrangheta agiert inzwischen global und verdient dabei Milliarden.

Eurojust
Pressekonferenz in der Eurojust-Zentrale in Den Haag. Foto: ANP/AFP

In Italien kennt man die Legende von Osso, Mastrosso und Carcagnosso – drei spanischen Rittern, die im 14. Jahrhundert auf einer kleinen Insel bei Sizilien landeten. Sie verfassten einen Ehrenkodex und das Gesetz der Omertá, des Schweigens, und gründeten dann drei Geheimgesellschaften: In Sizilien die Cosa Nostra, in Neapel die Camorra, in Kalabrien die ’Ndrangheta. Diese Geschichte wird heute noch beim „Taufe“ genannten Initiationsritus der kalabrischen Mafia erzählt.

Während die Cosa Nostra nach etlichen Verhaftungswellen nun angeschlagen ist – erst am Dienstag kam ihr neuer Boss in Palermo hinter Gitter – hat die ’Ndrangheta den Aufstieg zu einer kriminellen Weltmacht geschafft, die Dutzende Milliarden Euro jährlich verdient. Archaische Traditionen verbindet sie perfekt mit Globalisierung und modernster Technik. 

Nach Einschätzung von Experten wie dem kalabrischen Staatsanwalt und Mafiajäger Nicola Gratteri (60) ist die ’Ndrangheta heute die reichste und mächtigste Mafia-Organisation weltweit. „Sie ist die einzige Mafia, die in ganz Europa und auf allen fünf Kontinenten vertreten ist“, sagt Gratteri, der seit 30 Jahren unter Polizeischutz steht. Weltweit habe sie Beziehungen zu Verbrechersyndikaten und zur Politik geknüpft, etwa zur Farc und zu Paramilitärs in Kolumbien oder zur albanischen Mafia. Ihr Hauptgeschäft ist der Handel mit Kokain aus Südamerika - eine schier unerschöpfliche Geldquelle, wie Gratteri sagt. In Europa kontrolliere sie 80 Prozent des Drogengeschäfts, allerdings nur als Großhändler. „Den Verkauf von Kokain und Heroin auf den Straßen überlässt sie der nigerianischen Mafia.“

Dabei liegen die Ursprünge der ’Ndrangheta in der isolierten bäuerlichen Welt der kalabrischen Aspromonte-Berge, vermutlich im 19. Jahrhundert. Anfangs verdienten ihre Clans mit Diebstahl und Erpressung Geld. Später kam Zigarettenschmuggel hinzu. In den 70er Jahren gehörten auch Entführungen zum Geschäftsmodell – Paul Getty Jr. war eines der Opfer. Dann begann die Unterwanderung öffentlicher Ausschreibungen, um Staatsgeld abzuschöpfen, in Kalabrien, aber auch in Norditalien.

Mit dem Einstieg in den Kokain-Handel breitete sich die ’Ndrangheta international aus. Dabei blieben die alten Clan-Strukturen bestehen, die auf Blutsverwandtschaft basieren. Deshalb ist die ’Ndrangheta schwer zu infiltrieren. „’Ndrine“ heißen die Sippen, mehr als 150 soll es von ihnen geben.

Dass die ’Ndrangheta so erfolgreich war, liegt auch daran, dass sie unterschätzt wurde. Lange wurde sie für bäuerlich und rückständig gehalten und eher anthropologisch betrachtet, sagt Antonio Nicaso, Universitätsdozent und ’Ndrangheta-Experte. Er, Gratteri und andere Mafia-Experten sind sich einig: Noch immer wird sie im Rest Europas und vor allem in Deutschland unterschätzt. Trotz des Blutbads in Duisburg 2017. „Mich verwundert die Untätigkeit der deutschen Politik“, sagt Gratteri. Das reiche Deutschland sei heute das wichtigste europäische Land für die Clans, Dutzende hätten sich hier festgesetzt. Ihr schmutziges Geld investierten sie in Immobilien, Grundstücke, Restaurants, Hotels. Die Mafia-Syndikate hätten von der europäischen Einigung und vom Euro profitiert. Für die Ermittler in Europa sei die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg dagegen schwierig, beklagt Gratteri. Eine gemeinsame europäische Anti-Mafia-Gesetzgebung und eine gemeinsame Staatsanwaltschaft hält er für dringend nötig.

Laura Garavini, Parlamentsabgeordnete der PD in Rom, hat lange in Deutschland gelebt und den Verein „Mafia? Nein danke!“ mitgegründet. Sie sieht durchaus Fortschritte. So sei es inzwischen möglich, auch in Deutschland Mafia-Besitz schon vor einem rechtskräftigen Urteil zu beschlagnahmen. Aber die Gesetzgebung reiche nicht aus, um groß angelegte Geldwäsche zu bekämpfen. So sind Ermittlungen nur wegen des Verdachts der Mafia-Mitgliedschaft in Deutschland nicht möglich. Im Gegensatz zu Italien ist das keine Straftat. „Es wäre sinnvoll, sie in Deutschland einzuführen“, schlägt Garavini vor.

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