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Gastbeitrag Das Steak ist nicht unantastbar

Wer das Klima schützen will, darf von Landwirtschaft und ihren Produkten nicht schweigen. Ein fleischloser Tag würde schon helfen.

Internationale Grüne Woche 2019
Einfach mal auf Fleisch und Wurst verzichten. Foto: dpa

Anlässlich der Grünen Woche in Berlin ist die Nachhaltigkeit des Fleischkonsums wieder thematisiert worden. Aber spätestens seit die Grünen sich mit ihrem Veggie-Day-Vorstoß die Finger verbrannt haben, scheuen Politikerinnen und Politiker in Deutschland diese Debatte. Doch wer ernsthaft über Klimaschutz diskutieren will, kommt an der Landwirtschaft und ihren Produkten nicht vorbei. Dort ist bei Konsumenten viel mehr zu erreichen als bei Erzeugern – gerade in Deutschland.

Kohlendioxid (CO2) dominiert die Klimaschutzdebatte, weil es mit rund drei Viertel der Emissionen den größten Anteil ausmacht. Doch von dem verbliebenen Viertel anderer Treibhausgase stammt über die Hälfte (56 Prozent) aus der Landwirtschaft – also etwa 13 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Dazu gehören Stickoxid aus der Bodenbearbeitung und Düngung oder Methan aus der Viehhaltung.

Angesichts des Wachstums von Weltbevölkerung und Wohlstand kommen Prognosen auf einen Anstieg der Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln bis zu 100 Prozent bis 2050. Mit einem entsprechenden Zuwachs der Landwirtschaftsemissionen ließe sich das Ziel einer maximalen Klimaerwärmung um 1,5 Grad nicht einhalten.

Doch nach dem Pariser Klimaabkommen haben die Regierungen die Landwirtschaft kaum in die Pflicht genommen, etwa durch Einsparziele wie für andere Emittenten. Allenfalls Forschung in diese Richtung wird als Beitrag zum Klimaschutz gefördert. Anders als etwa in der Energieerzeugung ist in Landbau und Tierhaltung das technische Einsparpotenzial allerdings relativ gering – es wird auf etwa 30 Prozent geschätzt. Aufseiten der Erzeuger ist also nicht viel zu machen.

Steuer zum Gesundheitsschutz

Auf Verbraucherseite ließen sich Einsparungen marktwirtschaftlich adäquat erreichen, indem Fleisch und andere Produkte angemessen bepreist werden, um die wahren Kosten widerzuspiegeln, die ihre Produktion verursacht – wie dem Beitrag zur Erderwärmung. Doch der Agrarsektor ist weltweit in kein Emissionshandelssystem integriert, und Steuern auf tierische Produkte, die den Treibhausgasausstoß widerspiegeln, gibt es nirgends.

Dänemark hat eine Fett-Steuer auf Milchprodukte und Fleisch eingeführt – aber zum Gesundheitsschutz. Der dänische Ethikrat schlug 2016 zudem vor, eine Treibhausgassteuer auf Lebensmittel zu erheben. In Deutschland lehnten Parteien 2017 einen Vorschlag des Umweltbundesamtes, den Mehrwertsteuersatz auf Milchprodukte und Fleisch von 7 auf 19 Prozent zu erhöhen, ab. Sogar die Grünen opponierten, weil solche Steuern Haushalte mit geringeren Einkommen überproportional treffen.

Dass Emissionssteuern oder Verbote zurzeit schwer umsetzbar erscheinen, liegt auch daran, dass vielen Menschen der Zusammenhang zwischen dem Konsum tierischer Produkte und dem Klimawandel nicht bewusst ist. Sie blenden Klimaschutzargumente wie auch andere gegen den hohen Verbrauch tierischer Lebensmittel häufig aus.

Deutschland ist laut OECD weiter eines der Länder mit dem höchsten Pro-Kopf-Fleischverbrauch: 2016 waren es 14 Kilo Rind- oder Kalbfleisch, Fleisch insgesamt knapp 88 Kilo. Im Vergleich dazu lag der EU-Durchschnitt bei 11 und 71 Kilo. Wenn alle in Deutschland einen zusätzlichen Tag je Woche auf Fleisch verzichteten, würde das Äquivalent der Emissionen von 1,9 Millionen Pkw-Fahrten um die Erde eingespart.

Doch die Preissignale für Fleisch- und Milchprodukte gehen sogar eher in die andere Richtung: Nicht nur spiegelt der Preis dieser Produkte die Kosten, die durch den Klimawandel anfallen, nicht wider. Hinzu kommt, dass dank Subventionen die Preise meist nicht einmal die vollen Produktionskosten abbilden. Zwischen 2015 und 2017 stammten 19 Prozent der Bruttoerträge landwirtschaftlicher Betriebe aus Subventionen.

Konsistent und ökonomisch effizient wäre es, Treibhausgasemissionen im Agrarsektor zu bepreisen – also in Emissionshandelssysteme zu integrieren – wie beispielsweise im Stromsektor. Dabei müssten Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Prozesskette, vom Ansähen – auch der Futtermittel – bis zum Konsum, berücksichtigt werden. Vor dem Hintergrund, dass die Landwirtschaft Auswirkungen des Klimawandels besonders zu spüren bekommen wird, sollte hier schon aus purem Eigennutz heraus der Klimaschutz vorangetrieben werden.

Ruth Delzeit und Christine Merk forschen am Kieler Institut für Weltwirtschaft im Bereich Umwelt und natürliche Ressourcen unter anderem zu Fragen der globalen Landnutzung.

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