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Times mager Wünsche

Es gehört zu den frühen Konfrontationen mit dem wirklichen Leben, dass man nicht nur nicht alles bekommt, was man will, sondern dass man es sich nicht einmal wünschen darf.

Wünsche
Lamar pokert mit hohem Einsatz. Foto: Imago

Darf man sich zu Nikolaus überhaupt etwas gewünscht haben? Folgt man den jüngsten Angaben aus dem Nikolaushauptamt in St. Nikolaus (Saarland), so tun die kleinen Racker jedenfalls, was sie können. Rund 7000 Briefe seien bislang eingegangen, hieß es kürzlich, und bis Heiligabend werden 14.000 weitere erwartet. Da die Zuständigkeit seit heute Morgen bei jemand anderem liegt, wurde auch dieser Generation von Kindern möglicherweise in der Schule beigebracht, dass doppelt gemoppelt besser hält. So etwa der dynamische Deutschlehrer Herr F., wenn die Klasse klagte, das habe er doch alles schon gesagt. Man befand sich hier immer in einer letztlich erquickenden Dauerschleife, da ja auch die Replik Herrn F.s hinlänglich bekannt war. Kinder lieben insgeheim Wiederholungen, Erwachsene auch, selbst der Modetrend, in dem der Mensch von heute ständig (!) etwas Neues erleben will, passt sich hinein.

Schlagzeilen machte der jüngste Lagebericht aus St. Nikolaus aber am ehesten, weil heutzutage so viele Kinder sich ein Smartphone wünschen (auch vieles anderes, etwa dass liebe Verwandte wieder gesund werden, aber wenn sonst alles in Ordnung ist, wäre eben ein Handy toll). Früher, hieß es nun in den Meldungen und sogar in der Straßenbahn, seien „Schokolade und Socken“ (in der Straßenbahn: „Süßigkeiten und Handschuhe“) genug gewesen, heute müsse es gleich ein Computer sein.

Hierzu ist aber eindeutig zweierlei zu sagen: Erstens gab es schon immer glückliche und auch weniger glückliche Kinder, die zu Nikolaus eine neue Skiausrüstung bekamen (z. B. Margitta B.). Eine neue Skiausstattung ist garantiert sauteuer. Vermutlich hätte Margitta B. auch lieber die beiden Playmobilindianer zu Pferd gehabt, mit denen sofort wahnsinnig viel anzufangen war. Zweitens muss man selbst als strenger Erwachsener, dem materialistisch eingestellte Kinder ohne Ende auf die Nerven gehen, zugeben: Der Witz am Wünschen ist sein unreglementierter Spielraum. Interessant dabei, dass Märchen zwar zurückführen in jene Zeit, „wo das Wünschen noch geholfen hat“, zugleich aber lehren, dabei teuflisch aufzupassen.

Es gehört zu den frühen Konfrontationen mit dem wirklichen Leben, dass man nicht nur nicht alles bekommt, was man will, sondern dass man es sich nicht einmal wünschen darf. Dass jedenfalls eine Welt liegt zwischen geheimen Wünschen (völlig okay) und dem WUNSCHZETTEL. Bei der Erstellung des WUNSCHZETTELS ist vielerlei zu beachten mit Blick auf die Anforderungen und Möglichkeiten der Erwachsenen. Es ist aber doch verständlich, dass Kinder dem Nikolaus persönlich einiges zutrauen.

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