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Kriminalroman „Aufgeweckte junge Dinger“

Die englische Krimi-Autorin Jessica Fellowes und ihr Onkel, Schöpfer von „Downton Abbey“.

Jessica Fellowes
Jessica Fellowes. Foto: Sebastian Borger

Die Industrienationen Westeuropas durchleben ein paradoxes Phänomen: Während wir im historischen Maßstab unerreichten Reichtum, Lebensstandard und globalen Einfluss genießen, „lebt eine erhebliche Minderheit oder sogar Mehrheit von Bürgern mit dem Gefühl, dass etwas zutiefst faul ist in ihren Gesellschaften“, wie es in einer neuen Studie heißt. Stattdessen träumten sich diese Menschen zurück in eine vermeintlich prächtige Vergangenheit. So hat die Londoner Denkfabrik Demos jüngst ihre Forschungsergebnisse über den kulturellen und politischen Einfluss von Nostalgie zusammengefasst. Sie basieren auf ausgedehnten Kleingruppen-Gesprächen in Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Auf der Insel wird Nostalgie tendenziell noch negativer bewertet als auf dem Kontinent. Aber es gibt auch Profiteure dieser Sehnsucht, beispielsweise jene Autoren, die in historisch angehauchten Romanen die Vergangenheit wiederaufleben lassen. Seit diesem Herbst können deutschsprachige Leser eine mysteriöse, beinahe 100 Jahre alte Mordgeschichte nacherleben, in der fantasievollen Version einer englischen Schriftstellerin. „Unter Verdacht“ heißt das Buch von Jessica Fellowes, es soll der erste Teil einer aus sechs Bänden bestehenden Serie historischer Kriminalromane sein, allesamt „Die Schwestern von Mitford Manor“ überschrieben, die Geschichten angesiedelt in den 1920er und 1930er Jahre.

Warum gerade die Zeit vor knapp 100 Jahren Leserinnen und Leser auf der Insel, aber auch weit darüber hinaus in den Bann schlägt, erklärt Fellowes anhand der persönlichen Verbindung, die für viele Menschen noch bestehe: „Die Generation unserer Großeltern hat den Zeitraum durchlebt.“ Dadurch seien diese Jahre in unserem Bewusstsein sehr lebendig. Außerdem gebe es vielerlei Parallelen, sagt Fellowes und zählt auf: die rasante technische Entwicklung, die heute wie damals faszinierte Begeisterung ebenso hervorrief wie tiefsitzende Ängste; die Frauenemanzipation und ihre Verächter; der Umgang mit Minderheiten; schließlich auch das Erstarken nationalistischer Kräfte.

Die intensive Beschäftigung mit der Sozialgeschichte jener Zeit geht auf eine frühere Phase in Fellowes’ Autorinnenkarriere zurück. Fünf Jahre lang schrieb sie Begleitbücher zur TV-Serie „Downton Abbey“, deren Figuren und Storylines der Feder ihres Onkels Julian Fellowes entstammen. Die fünf Staffeln rund um Erlebnisse einer englischen Adelsfamilie und ihrer Dienerschaft in den Jahren zwischen 1912 und 1925 waren ein Welterfolg, der gleichnamige Spielfilm wurde gerade abgedreht und soll 2019 in die Kinos kommen.

Wie viel sich die Autorin, 44, von ihrem mittlerweile als Baron Fellowes of West-Stafford ins Oberhaus beförderten Onkel abgeschaut hat, wird im Gespräch mit dem 69-Jährigen deutlich. Der Drehbuchautor spricht über die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, als sei er dabei gewesen. Schon als Junge habe er sich für Familiengeschichte interessiert. Ältere Verwandte öffneten dem neugierigen Jungen ihre Türen und Herzen, versorgten ihn mit Geschichten aus ihrer Jugendzeit, die teilweise weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte.

Fellowes arbeitete als keineswegs erfolgloser Schauspieler, ehe er seine Leidenschaft zum Beruf machte. Das Drehbuch für US-Regisseur Robert Altmans „Gosford Park“ brachte ihm den Oscar und damit den Durchbruch als Drehbuchautor. Gelingen konnte dies nur durch harte Arbeit und Authentizität: Der bekennende Nostalgiker sehnt sich wirklich nach der guten alten Zeit zurück. Begeistert schildert er ein traditionelles Jagdwochenende auf dem englischen Land, bei dem die Gäste auch heute noch den Tag in drei verschiedenen Anzügen begehen. Und natürlich war und ist der konservative Lord überzeugter Unterstützer des britischen EU-Austritts. Jessica Fellowes Nostalgie ist gebrochener, ihr Roman verbindet erstaunliche Detailtreue mit gewitzten, unbekümmert modernen Protagonisten. Hauptrollen spielen etwa ein junger Polizist und das Kindermädchen jener im Titel genannten Schwestern mit dem berühmten Namen.

Die Mitford-Sisters schlugen als junge schöne Frauen aus minderer Adelsfamilie Londons High Society in Bann und gelten bis heute als Symbol für die glamourösen zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. „Aufgeweckte junge Dinger“ (bright young things), so der Spitzname jener Gruppe junger Adeliger, machten die Londoner Nachtclubs unsicher, diskutierten über moderne Musik und Literatur, experimentierten mit Sex und Drogen. Aber den Frauen unter ihnen war doch der Weg in die Ehe vorgezeichnet, eine formale Ausbildung, gar ein Universitätsabschluss blieb ihnen verwehrt.

Unter den Mitford-Schwestern traf dies vielleicht jene am härtesten, die im ersten Band von Fellowes’ Romanserie zur Mordaufklärung beiträgt: Nancy Mitford (1904-73) blieb in ihren Beziehungen unglücklich, machte sich aber als Autorin ironischer Romane und eines Wegweisers durch die kuriose Sprache ihrer Schicht einen Namen.

In „Unter Verdacht“ gehen Nancy, ihr Kindermädchen und deren Polizistenfreund einem Mordanschlag im Zug von London nach Hastings auf den Grund. Dem Plot liegt eine echte Bluttat vom Januar 1920 zugrunde, die bis heute unaufgeklärt bleibt. Von wegen gute alte Zeit.

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