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„Yves’ Versprechen“ Und schau nicht in die Kamera

Wo ist die Grenze zwischen Empathie und Voyeurismus? „Yves’ Versprechen“, ein Dokumentarfilm über Migration.

Yves ohne Obdach in Bilbao. Foto: Melanie Gärtner

Das Problem kennt jeder, der manchmal den „Weltspiegel“ schaut: Wer sich an der Nahaufnahme elender Zustände im globalen Süden versucht, balanciert auf einem schmalen Grat zwischen Empathie und Voyeurismus. Das gilt natürlich nicht nur für Korrespondentenberichte, sondern mindestens ebenso sehr für einen abendfüllenden Dokumentarfilm wie „Yves’ Versprechen“. Er kann vielleicht als ein Musterbeispiel für dieses Dilemma gelten – und dafür, wie man es zwar nicht löst, aber sozusagen filmisch aushält.

Yves, das ist der Mann aus Kamerun, der dem Film seinen Titel und dem Thema Migration ein Gesicht gibt. Es existiert vielleicht kein Beamter auf der Welt, der Yves politisches Asyl gewähren würde. Es ist „nur“ so, dass seine Tochter vergewaltigt wurde und der Täter ungestraft blieb. Bestechung scheint bei dem Vorgang eine zentrale Rolle gespielt zu haben – Kamerun belegt beim Index zur Korruptionsbekämpfung Platz 153 von 180 Ländern –, aber ein offizieller Fluchtgrund ist das noch lange nicht. Auch nicht, dass Yves sich wohl selbst von seiner Familie freikaufen lassen musste, nachdem er auf den Vergewaltiger seiner Tochter losgegangen war. 

Der Druck muss enorm sein

Yves ist schon zum zweiten Mal in Europa, natürlich illegal. Zweimal ist er im Schlauchboot von Marokko nach Spanien gekommen. Nach der ersten Flucht wurde er entdeckt und nach Kamerun abgeschoben. Ohne sich seiner Familie zu offenbaren, machte er sich zum zweiten Mal auf den Weg. Es gelingt der Regisseurin Melanie Gärtner, uns intensiv spüren zu lassen, warum der Protagonist nach der Abschiebung nicht zurückkehrte: Er hält an dem Versprechen fest, in Europa Erfolg zu haben und seine Verwandten zu unterstützen, irgendwann. Und er spürt den Druck der Angehörigen, die darauf setzen, dass er es einlöst.

Das alles ist höchst berührend, und je länger man Yves zuschaut bei der fast hoffnungslosen Suche nach seiner Chance, desto deutlicher erschließt sich die Absurdität der Debatten, die Europa über und gegen die Migranten führt. Aber der Film tut noch etwas anderes, und das macht ihn umso außergewöhnlicher: Er begibt sich auf Wanderschaft zwischen den Welten. Melanie Gärtner, die gemeinsam mit Pola Sell auch die Kamera übernommen hat, reist nach Kamerun und macht sich auf die Suche nach den Fluchtursachen, die die Asylbürokratie nie und nimmer als Fluchtursachen anerkennen würde. 

Angehörige fordern Einlösung eines Versprechens 

Gärtner zeigt eindrückliche, für europäische Augen zutiefst deprimierende Bilder aus einer ärmlichen, lauten, nicht selten auch furchtbar langweiligen, weil perspektivarmen Welt. Sie spricht mit Menschen, die für ihre eigenen Möglichkeiten vor allem ein Wort zu kennen scheinen: „sich durchzuschlagen“. Sie besucht Yves’ nächste Freunde und Verwandte, und wer ihnen zuhört, kann die Sehnsüchte und Enttäuschungen, die mit der Fluchtgeschichte auch für die Zurückgebliebenen verbunden sind, fast mit Händen greifen. Die Szenen, in denen Yves und seine Familie über das Tablet der Regisseurin Botschaften austauschen und in denen die Angehörigen mühsam nach vorwurfsfreien Worten suchen, um die Einlösung des Versprechens einzufordern, sind wahrlich ergreifend.

Das alles ist, wie man so sagt, „großes Kino“. Die vorbehaltlose Empathie, mit der Melanie Gärtner den Menschen begegnet, wird sich beim Zuschauen auf alle übertragen, die noch nicht vergessen haben, dass es bei der Migration um konkrete Menschen geht, um eine geradezu absurde Distanz zwischen der Lebensweise, den Lebensmöglichkeiten der Europäer und den Verhältnissen im globalen Süden. Dass Yves’ Familie nicht einmal zu den ärmsten im Land zu gehören scheint, macht den Wahnsinn nur noch deutlicher.

Das alles kann durchaus emotionalisieren, aber gerade das macht „Yves’ Versprechen“ zu einem Stück Aufklärung im besten Sinne: Wer die Verhältnisse so aus der Nähe sieht, dem bleiben die von oben herab geäußerten Weisheiten über die „illegale Migration“ im Halse stecken. Hoffentlich. 

Was genau ist „die Realität“? 

Es ändert an der Qualität eines solchen Dokumentarfilms nichts, und doch ist es deutlich zu spüren: Auch er entgeht dem oben beschriebenen Dilemma nicht, kann ihm gar nicht entgehen. In Zeiten, da die Reportage unter Verdacht geraten ist, die Wirklichkeit auch über das Dokumentarische hinaus zu „gestalten“, kann auch ein Film wie „Yves’ Versprechen“ nicht ganz unbefangen als „objektive Abbildung“ der Realität betrachtet werden. Und wenn es um den globalen Süden geht, stellt sich zusätzlich die Frage nach dem womöglich paternalistisch-postkolonialen Blick der Betrachterin auf die „Objekte“ ihres Interesses. Nicht nur die Grenze zwischen Empathie und Voyeurismus ist schmal, sondern auch der Grat zwischen humanitärem Interesse und Reproduktion eines historisch gewachsenen Machtgefälles.

Wie gesagt: Auch Melanie Gärtner ist diesen Dilemmata nicht entgangen. Die Widersprüche werden allerdings auch nicht ausdrücklich thematisiert, was ja immerhin eine Möglichkeit gewesen wäre. Dieser Film tut etwas anderes, und das macht ihn noch wertvoller: Er verlässt sich auf die bedingungslose Empathie seiner Macherinnen und Macher. Sein Blick ist vorbehaltlos interessiert an den Beteiligten. Er lässt sie als Subjekte wirken und nicht als Objekte ethnologischen Interesses. Er spart sich jeden paternalistischen Opferdiskurs, und das gelingt beiden – den Filmemacherinnen und den Gefilmten – so erstaunlich gut, dass hinter den Dramen des Migrationsgeschehens immerhin die Möglichkeit eines herrschaftsfreien, unhierarchischen Umgangs aufscheint. 

Natürlich ist das objektive Gefälle damit nicht einfach überwunden: Selbstverständlich ist das Team die Strecke, die für Yves mit allen möglichen Strapazen verbunden war, ohne große Probleme hin und her geflogen. Natürlich macht die Kamera vielleicht nicht den besonders souverän agierenden Yves selbst, aber doch seine Verwandten in Kamerun hier und da auch zu Objekten ihres Bilderhungers. Und natürlich ist ein Verhältnis unter Gleichen so gut wie unmöglich, wenn die einen herübergejettet kommen und die anderen nicht einmal wissen, ob dort, wo Yves sich befindet, gerade Krieg herrscht oder nicht.

Die  „entlarvenden“ Moment wurden herausgeschnitten

Aber vielleicht kann ein Detail verdeutlichen, wie es diesem Film gelingt, die Unterschiede dort, wo sie nicht zu vermeiden sind, souverän auszuhalten: „Und schau nicht in die Kamera“, sagt die Frau von Yves’ bestem Freund in einer Szene zu ihrem kleinen Sohn. Das dürfte dieselbe Regieanweisung sein, die sie selbst vom Team erhalten hat – womit klar wäre, wer in solchen Situationen die Bedingungen diktiert. Melanie Gärtner hat an dieser Stelle das Beste getan, was sie tun konnte: Sie hat den „entlarvenden“ Moment nicht herausgeschnitten. Sie tut nicht so, als gäbe sie eine einfach so vorgefundene Wirklichkeit „objektiv“ wieder. Sie inszeniert, so wie jeder das tut, der dokumentiert. Aber sie bekennt sich dazu. Gerade dadurch wird „Yves’ Versprechen“ zu einem glaubwürdigen Dokument.

Nachtrag: Am Ende des Films erzählt Melanie Gärtner, dass Yves einen Weg gefunden habe, vielleicht doch in Europa aufgenommen zu werden: Er denkt darüber nach, sich für die französische Fremdenlegion zu bewerben. Dann könnte er nach fünf Jahren die französische Staatsbürgerschaft bekommen. Damit ist der Einsatz benannt, mit dem Menschen wie Yves sich in Europa einkaufen können: ihr eigenes Leben. An dieser Stelle braucht der Film keine Bilder mehr.

„Yves‘ Versprechen“, Dtl. 2017, Regie: Melanie Gärtner. 79 Min.

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