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„The Favourite“ Kaninchen im Schlafgemach

Yorgos Lanthimos plündert mit dem launigen Kostümfilm „The Favourite“ die Filmgeschichte – und wird überraschend zum Oscar-Favoriten.

Szene aus „The Favourite“
Szene aus „The Favourite“ Foto: Twentieth Century Fox

Es ist schon paradox: Mehr denn je ist der Zeitstil der Gegenwart vom Retro-Phänomen bestimmt. Doch je mehr die Vergangenheit überhöht wird, desto mehr wird sie auch vergessen. In den gentrifizierten Innenstädten konsumiert eine ausgetauschte Bevölkerung in ausgetauschten Geschäften Produkte, die aussehen, als wären sie „von früher“. Das Pseudo-Alte ist mit seiner falschen Aura an die Stelle dessen getreten, was unwiederbringlich auf dem Sperrmüll liegt.

Das merkt man natürlich auch vielen Filmen an, die gerade um die Oscars kandidieren. Sie schleichen sich an die Stelle von Klassikern, an die sich immer weniger erinnern: „A Star is Born“ ist ein Remake, „Cold War“ eine Nachahmung der einst wegweisenden polnischen Kinomoderne. Und „The Favourite“, der mit zehn Oscar-Nominierungen verwöhnte Kostümfilm des Griechen Yorgos Lanthimos, ist geradezu eine Kinemathek im Taschenformat. Peter Greenaways kunstvolle Satire „Der Kontrakt des Zeichners“ ist wohl das erste, was einem bei diesem höfischen Intrigenspiel aus dem frühen 18. Jahrhundert einfällt. Bald überschlagen sich die Zitate.

Ganze Ausschnittparaden verschickte der Regisseur an seine Hauptdarstellerinnen zur Inspiration, wie sie gegenüber der Webseite imdb erzählten: Olivia Colman, der Darstellerin der englischen Regentin Queen Anne, sandte er amerikanische Screwball-Comedies aus den Dreißigern wie „Leoparden küsst man nicht“. Emma Stone, die von einer gefallenen Adeligen zum intriganten Aschenputtel wird, bekam eine Reihe von Tanzvideos geschickt. Und Rachel Weisz, die Darstellerin der engsten Vertrauten und Geliebten der Königin, erinnert sich an zwei klassische amerikanische Komödien, die sie sich ansehen sollte: „Ein seltsames Paar“ und „Is was, Doc?“. Und ähnlich turbulent geht es bald auch zu.

Ein exzentrischer Hofstaat 

Das gelangweilte Hofvolk amüsiert sich mit dressierten Enten oder veranstaltet Wettrennen von Hummern. Die Königin selbst hält sich 17 Kaninchen im Schlafgemach, mit denen sie sich über den Verlust ihrer Nachkommen hinwegtröstet. Einzig Sarah Churchill, der Gräfin von Marlborough, vertraut sie sich an – und steht zugleich unter dem Diktat ihrer machtbewussten Freundin. Wer immer politischen Einfluss sucht muss die Gunst beider Frauen gewinnen; doch die sind sich selbst genug. Einzig einem Neuzugang am Hofe gelingt es, bis ins Allerheiligste vorzudringen. Die selbstbewusste Abigail, eine verarmte Verwandte Sarahs, erobert das verhärmte Herz der Königin, in dem sie das Machtspiel Sarahs minutiös kopiert.

Dabei geht es deftig zu: In der übersättigten und sexualisierten Hofgesellschaft wird geflucht und gefurzt, wobei der Humor oft in der Abkehr von der sonst bei Kostümfilmen üblichen, historisierenden Wortwahl liegt. Wie stets in Lanthimos‘-Filmen wird der Zuschauer in ein Spiel gezogen, dessen Regeln nicht erklärt werden. Es sind die Rituale ungepflegter Langeweile und die muffigen Geheimnisse, die sich unter verfilzten Perücken verbergen mögen. Was immer hier gespielt wird – die Titelfigur, Emma Stones „Favoritin“ hat es am besten verstanden. So befördert sie Sarah aus dem Weg, wenigstens für eine Weile. Doch was gibt es schon zu gewinnen bei diesem unendlichen aber auch unlustigen Spaß? 

Erinnerungen an Klassiker

Für den Zuschauer sind das erst einmal die Schauwerte: Gedreht auf Zelluloidfilm, gibt es malerisches Kerzenlicht wie in Kubricks „Barry Lyndon“.

Auch der kulinarische Barock-Soundtrack erinnert an diesen Klassiker, doch dann tut Lanthimos wieder alles, um die Eleganz zu zerstören. Nervöse Kamerabewegungen und Fischaugenlinsen konterkarieren absichtsvoll die Idylle, ein Verfremdungseffekt, der den anachronistischen Dialogen entspricht.

Lanthimos selbst listet als weitere Vorbilder auf: Unter anderem Andrzeij Zulawskis Psychothriller „Possession“, Juraj Herz schwarze Komödie „Der Leichenverbrenner“, Milos Formans „Amadeus“ sowie Ingmar Bergmans „Schreie und Flüstern“. Was also kommt heraus, wenn man all das zusammenrührt?

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