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„Climax“ Clubbed to Death

Angst, Emphase und Gewalt: Gaspar Noés apokalyptischer Partyfilm „Climax“.

„Climax“
Hauptsache hemmungslos: Szene aus „Climax“. Foto: Alamode Film

Unter eingefleischten Filmfans besagt ein Credo, dass kein Film ganz schlecht sein könne, der wenigstens eine gute Szene habe. Die beste Szene von Gaspar Noés neuestem apokalyptischen Kinotrip „Climax“ ist sogar mehr als eine gute, es ist eine große Szene. Das ganze Ensemble des Films ist darin zu sehen, bestehend aus rund zwanzig jungen Tänzerinnen und Tänzern. Fast zehn Minuten lang, gefilmt in einer einzigen Einstellung, tanzt jeder auf seine eigene Art – und doch vereint alle dieselbe, ekstatische Energie.

Wie in Zeitraffer bewegen sich die einen, wie übersteuerte Roboter die anderen. Und die Kamera windet sich ohne Sorge, dabei umgerannt zu werden, durch den Furor, durch das Getümmel. Zu den elektrisierenden Rhythmen von 90er-Jahre-Techno schält sich allmählich eine verbindende Choreografie aus dieser Ausdrucksvielfalt, ein kollektives Aufgehen in Musik und Bewegung, bis der Körper nicht mehr mitmacht.

Immer wieder hat der französische Filmemacher lange, manchmal epische Filme um wenige spektakuläre Einzelszenen komponiert. Diese oft schockierenden Kabinettstückchen bleiben in Erinnerung, auch wenn man das Drumherum vergessen mochte. Insbesondere die schreckliche Gewalt von „Irreversible“, die ihn weltbekannt machte, das zu Brei zerschlagene Gesicht eines Mannes und die Vergewaltigung in einem Tunnel.

Manchmal waren diese Kurzfilme inmitten der Langfilme kunstvoll, wie das semi-abstrakte, psychodelische Finale von „Enter the Void“. Manchmal waren sie banal wie die Ejakulation in die 3D-Kamera von „Love“. Immer aber waren sie polarisierend und sollten es sein. Er habe einen „Ruf als Skandalregisseur“, schreibt Wikipedia gleich unter dem Namen von Gaspar Noé – als wäre das schon eine Art Ehrentitel. Den so Gewürdigten dürfte es freuen. „Sie haben ,Irreversible’ gehasst“, schreibt er auf dem Plakat, „Sie haben sich geekelt vor ‚Enter the Void‘; Sie haben ‚Love‘ verflucht; jetzt versuchen sie ‚Climax‘.“ Diesmal aber ist es anders: Seit seiner Premiere im renommierten Wettbewerb „Quinzaine des réalisateurs“ von Cannes hat „Climax“ ganz überwiegend positive Kritiken bekommen. Und das vermutlich, weil diesmal die spektakulären Einzelszenen zumindest in einen kohärenten erzählerischen Umraum eingebunden sind.

Bevor die Tänzer in einer Probensituation ihre grandiose Performance geben, stellen sie sich in kurzen Castingvideos vor. Ihre engagierten, aber wenig aussagekräftigen Statements laufen zu Beginn des Films auf einem Röhrenfernseher, der wie auch die Musik auf die 90er Jahre verweist. Auch wenn der Film nicht in dieser Zeit spielt, erzählt er doch von dieser prägenden Epoche der elektronischen Tanzkultur. Auf die Probe folgt eine enthemmte Party, die zusehends eskaliert. Hemmungslos sprechen zwei Männer über ihr Begehren gegenüber den Tänzerinnen und scheuen sich nicht davor, Vergewaltigungsfantasien zu formulieren. Irgendwer hat LSD in die Bowle gegeben, die Stimmung schwankt zwischen Angst, Emphase und Gewalt. Schließlich gerät die Party zum Horrortrip. Noch eine weitere außergewöhnliche Tanzszene durchbricht den Hyperrealismus in Richtung einer Irrealität, doch wie so oft bei Noé überwiegt schließlich das Überdeutliche.

„Clubbed to Death“ hieß 1997 ein dunkler Coming-of-Age- und Partyfilm von Yolande Zauberman, der die Selbstvergessenheit der drogenverliebten Partykultur aus der Zeitgenossenschaft erfasste. Der gleichnamige Titeltrack von Rob Dougan wurde zum Klassiker. Auch Noés Film könnte diesen Titel tragen, er wirkt wie eine Erinnerung an die Exzesse, aber auch die Glücksversprechen der Rave-Kultur. Der Soundtrack schlägt noch einen weiteren Bogen, indem er 70er- und 80er-Jahre-Disco-Standards wie „Born to Be Alive“, „Tainted Love“ und „Pump Up the Volume“ elegant in den Flow einwebt, in dem ansonsten Daft-Punk-Klänge dominieren.

Doch das Pathos dieser überzeitlichen Disco-Dystopie wirkt auch ein wenig überzogen; kaum überzeugender als eine verspätete elterliche Warnung vor dem Gefahren der Nacht. So bedeutungsschwanger ist all dies, dass man auch nichts mehr als nebensächlich ansehen kann: Ist es eine bewusste Provokation, dass die brutalen Sexphantasien von Männern mit Migrationshintergrund vorgebracht werden? Ist es Zufall, dass ein Schwarzer mit der Länge seines Genitals angeben muss? Sind hier rassistische Konnotationen als „Aufreger“ ins Buch geschrieben? Zuzutrauen wäre dies Noé. Ärgerlich ist der in Banalitäten schwelgende Dialog in jedem Fall. Schließlich bleibt wieder einmal nicht viel mehr von einem Gaspar-Noé-Film übrig als ein, zwei spektakuläre Szenen. Ganz am Ende der Besetzungsliste steht übrigens der Name der Choreografin, Nina McNeely.

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