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„Chaos im Netz“. Cinderellas gefährlicher Schuh

Disneys neuester Animationsfilm führt die Computerspiel-Veteranen aus „Ralph reichts“ in gefährliche Datenstrudel: „Chaos im Netz“.

Szene aus "Chaos im Netz“
Foto: Walt Disney Germany

Disneys große Animationsfilme führen uns an Orte, die anderweitig kaum begehbar wären, in Schneewittchens Märchenwald, durch ein Kaninchenloch ins Wunderland oder, wenn man will, ins Innere eines vergessenen Computerspiels.

Sechs Jahre nach „Wreck it, Ralph“ flackert noch immer das Neonlicht über den betagten Automaten einer Vorortspielhalle. Spielheld Ralph, der im ersten Teil seinem Frust über die ewige Schurkenrolle im Hau-drauf-Spiel „Fix it Felix“ auslebte, hat seinen Frieden und – in der Rennspiel-Heldin Vannelope – auch eine beste Freundin gefunden. Der kindliche Riese, der in der lustigsten Szene des letzten Films noch eine Gruppentherapie der „Anonymen Spieleschurken“ durchstand, könnte kaum glücklicher sein. Von disneyhafter Unschuld seine Beziehung zum niedlichen Punk-Girl hinter dem Lenkrad.

Zugleich führen uns die Filmemacher Rich Moore und Phil Johnston aber auch in eine durchaus erwachsene Beziehungskrise. Während der gutmütige Ralph das Leben in denkbar festen Bahnen genießt, sind selbige für die abenteuerlustige Vannelope nur noch ermüdend. Beherzt schleicht sich Ralph in ihren Rennspiel-Computer und gräbt ihr eine neue Strecke.

Dann aber geht bei der nächsten Benutzung des Spielautomaten das Lenkrad zu Bruch. Ersatz für das betagte Teil können beide nur an einem ihnen bis dahin unbekannten Ort auftreiben – dem Internet. Tatsächlich hat der Betreiber der alten Spielhalle gerade erst einen Router installiert, und so rutschen beide durch den Anschluss in ein digitales Wunderland. Im Film gleicht es einer glitzernden Metropole, schillernd wie New Yorks stets belebter Time Square. Ist das wirklich das Bild, das wir uns vom Internet machen müssen? Eine Kommerz- und Entertainment-Metropolis? „Wir hatten auch andere Entwürfe, abstraktere Entwürfe“, erklärt Filmemacher Rich Moore im Interview. „Eine Cloud-Welt, ein Geflecht aus Datenströmen und einen großen Fluss, der über die Ufer tritt. Erst nach einem Jahr haben wir uns für diese Vision entschieden, weil sie zeigt, wie jeder Nutzer daran partizipiert.“

Subkultur der grenzenlosen Freiheit

Man kann schon erschrecken vor dieser Vision des World Wide Web, in dem Markennamen wie Google und Amazon auf mächtigen Wolkenkratzern strahlen. Und natürlich Ebay, wo die Internet-Novizen Ralph und Vannellope, die nie mit Geld umgehen mussten, das begehrte Lenkrad auch sofort ersteigern – für 27 001 Dollar. Die herkuleische Aufgabe, das Geld aufzutreiben, wird sie in den folgenden anderthalb Stunden in Höhen und Tiefen des digitalen Lebens führen: Ralph wird zum Youtube-Star, bald aber auch mit bösen Kommentaren überschüttet. Und Vannellope, die bei weitem interessantere Figur, erlebt ihre Erwachsenwerdung in einer kommunikativeren Gamer-Welt, die nur online möglich ist.

Bald rast sie über von Nutzern generierte Strecken in eine Subkultur der grenzenlosen Freiheit, aus der sie auch der liebste Ralph nicht mehr zurückholen kann. Es hat sich einiges getan bei Disney: Nicht nur findet das Studio zu einer seiner liebenswertesten Heldinnen, das Glück liegt auch nicht mehr in der Zweisamkeit im heimischen Schloss – sondern in der Selbstbestimmtheit abseits des Mainstreams.

Die schönste Szene des Films verschafft dann sogar Disneys versammelter Prinzessinnen-Clique zwischen „Schneewittchen“ und „Frozen“ einen Auftritt. Im virtuellen Wohnzimmer einer Fanseite namens „Oh My Disney“ sitzen sie da beieinander und wünschen sich nichts sehnlicher, als einmal T-Shirt und Sneakers zu tragen. In einem dramatischen Augenblick springt auch Cinderella über ihren Schatten, zertrümmert den gläsernen Schuh und benutzt ihn als Waffe. Kaum zu glauben, dass Disneys Chefetage das durchgehen ließ.

„Man hat uns wirklich keine Schwierigkeiten gemacht“, beteuern die Filmemacher im Gespräch nicht ohne Stolz. „Wir sagen ja auch nicht, dass es die echten Prinzessinnen sind. Schließlich tummeln sie sich ja auf einer Fanseite.“ Es ist schon kompliziert, dieses Internet. Wer könnte es schon wie Ralph und Vannellope in einem Tag begreifen?

Chaos im Netz (Ralph Breaks the Internet). USA 2018. Regie: Rich Moore, Phil Johnston. 113 Min.

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